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So lassen Unternehmen Produkte kontaktlos testen

Über die Plattform Utry.me können Markenhersteller und Handelsunternehmen ihre neuen Produkte testen lassen – kontaktlos und coronakonform. Das Geschäft des Start-ups boomt.

Utry.me liefert Lebensmittel
Neue Produkte auswählen, liefern lassen, testen: Utry.me ist ein digitaler Test-Markt

Als „digitales Haßloch“ beschreibt André Moll gerne sein 2018 gegründetes Start-up Utry.me. Dabei bezieht er sich auf eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz, in der Hersteller mit der Gesellschaft für Konsumforschung neue Produkte testen, bevor sie bundesweit in die Supermärkte kommen. Das Online-Pendant ist nach Angaben seines Gründers und CEOs der weltweit erste Probiermarkt ohne Preise und wird vor allem seit der Corona-Pandemie von Verbrauchern und der Markenartikelindustrie genutzt.

Markenprodukte testen, die tatsächlich interessieren

Das Motto des jungen Münchner Unternehmens: „Pull statt Push, Community statt Abo“. Das bedeutet: Anstelle der bisherigen Konzepte, die im Abo „Überraschungspakete“ anbieten (Push), ordern die Nutzer von Utry.me Markenprodukte, die sie auch tatsächlich interessieren. „Mit unserem Modell gibt es für den Hersteller keine Streuverluste. Die Produkte erreichen Kunden, die diese auch testen wollen“, erklärt Moll.

Im Angebot: Lebensmittel, Getränke, Kosmetika, Nahrungsergänzungsmittel etc. Für eine Service- und Liefergebühr von 24,90 Euro können User ein Paket mit einem deutlich höheren Warenwert zusammenstellen, die Produkte in Ruhe testen und ihre gefragte Meinung dazu kundtun. „Der Preis ist später zweitrangig, wenn das Produkt überzeugt“, antwortet Moll auf die Frage, warum der Preis unsichtbar bleibt. Im Bestellprozess sind die UVPs hinterlegt, so dass der maximale Paketwert stets vergleichbar ist.

Andre Moll
André Moll, Gründer Utry.me

„Der Preis ist später zweitrangig, wenn das Produkt überzeugt.“

Gestartet vor zwei Jahren, hat der Online-Shop in den Pandemie-Monaten einen wahren Boom erfahren. Ein Wachstum von mehr als 100 Prozent verzeichnet Utry.me im Vergleich zum Jahresanfang; die Anzahl der registrierten Nutzer wuchs von 13.000 im Januar auf mehr als 30.000 Ende Juli. Die Zahl der Hersteller, die ihre Neuheiten auf der Plattform zum Testen anbieten, erhöhte sich von 150 auf mehr als 200. Nicht nur die Markenartikelindustrie, auch Edeka und die Drogeriemarktkette dm testen bereits Produkte ihrer Eigenmarken über Utry.me.

Produkte testen in Zeiten von Corona

Die Gründe für den Erfolg? Das Start-up schließt aktuell Bedarfslücken. Der Testshop bietet Verbrauchern Inspiration und Abwechslung sowie Herstellern und Händlern die Möglichkeit, weggebrochene Marketing- und Marktforschungstools zum Teil zu ersetzen. „Die Krise macht es neuen Lebensmitteln und Genussprodukten extrem schwer, ihren Weg in die Märkte zu finden. Messen als wichtige Impulsgeber sind abgesagt, Promotions in den Supermärkten fallen weg, um den direkten sozialen Kontakt zu vermeiden“, erklärt Moll. Auch hatten deutlich mehr potenzielle User Zeit, sich in Ruhe im Internet zu tummeln und nach Neuigkeiten Ausschau zu halten.


Social Marketing statt Teleshopping

Um das Momentum zu nutzen, organisiert Moll mit seinem Team seit April regelmäßig eine Social-Media-Variante des guten alten Teleshoppings. Zusammen mit Herstellern und genussbegeisterten Influencern stellt er neue Produkte in Instagram-Liveshows vor. Die präsentierten Produkte gehen zeitgleich auf Utry.me online und können testweise nach Hause bestellt werden, je einmal pro Haushalt. Zwischen 5.000 und 10.000 Instagram-User schalten im Schnitt ein. Seit Juli läuft auch ein TV-Spot mit mehr als 30 Millionen Brutto-Rezipienten. Damit will das Start-up seinen Bekanntheitsgrad national steigern.

Für die teilnehmenden Hersteller bietet Utry.me verschiedene Marktforschungsmöglichkeiten an. Durch eine mehrstufige Abfrage können neben künftiger Kaufabsicht und Preisakzeptanz zu einem Produkt auch Zielgruppen und Trends analysiert werden, beispielsweise heruntergebrochen auf eine bestimmte Warengruppe oder Region. Auch die Optimierung der Produkte soll durch die Befragungen der User vorangetrieben werden. Die Fragebögen werden digital verschickt und haben eine Rücklaufquote von bis zu 25 Prozent. „Der direkte Erwerb gekoppelt mit quantitativer und qualitativer Verbraucherforschung hat uns von der Methode überzeugt“, heißt es aus dem Hause Verpoorten.

Point of Sale beeinflusst den Verbraucher

Auch Berlin Organics hat Vorteile für die Zielgruppenansprache identifiziert. CEO Klaas Koolman vermutet einen Vorteil von digitaler Marktforschung, denn „bereits durch die Wahl des Point of Sale erfolgt eine Vorauswahl der anzutreffenden Grundgesamtheit und damit eine Verzerrung. Zudem ist zu vermuten, dass Befragte am Point of Sale unter Umständen anders antworten als sie dies evtl. zu Hause vor dem Computerbildschirm tun“.

Die Zielgruppe sei auf online-affine Utry.me-Kunden beschränkt, setzt Dennis Lange, Marketingleiter bei der Bio-Zentrale, dagegen. Die Plattform sei jedoch ein guter erster Indikator, ob ein Produkt ankomme und erfolgreich einen ersten Kaufimpuls auslöse. „Vor allem unsere beiden neuen Veggie Burger in den Sorten Klassik und Smoky BBQ wurden von den Utry.me-Kunden sehr gut angenommen und waren daher schnell vergriffen. Diese positiven Ergebnisse lassen uns nun auf ebenfalls positive Absätze im LEH hoffen“, sagt Marketingleiter Dennis Lange.

Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben interessante Ergebnisse darüber bekommen, welche Kunden sich für die Produkte interessieren. Diese seien wertvoll für die Zielgruppenbestimmung der einzelnen Produkte, Marketing und Vertriebskommunikation.